Es ist Halloween. Seit Ende August sind Geschäfte und Pubs in (Kürbis-)Orange und Schwarz geschmückt, und überall hängen Spinnweben aus Watte mit Spinnen aus Plastik und in Supermärkten gibt’s beim Partybedarf Hexenkostüme aus Nylon. Jack-o-Lanterns – die grinsenden Kürbisgesichter – aus allen möglichen Materialien außer Kürbis zieren Schaufenster, Fenster und Tresen. Die Kinder ziehen um die Häuser, drohen „Trick or Treat“ und sammeln Süßigkeiten (das sind die „Treats“) in Plastiktüten. Wer nichts gibt oder sich tot stellt, dessen Haus wird mit nassen Wattebäuschen oder Mehl beworfen. (Das ist der Trick.) Obwohl die Polizei gedroht hat, dass sofort Schluss mit lustig ist, wenn sie so etwas sieht. Ein typisch englischer Brauch. Ähm ... nee, der Brauch ist hier genauso fremd wie in Deutschland. Jedenfalls seit Einzug des Christentums. Ansonsten ist er amerikanisch.
In Deutschland hat der Captain Cook vorgestern extra gruselige Kekse (man beachte den „Dackel des Todes“) gebacken, um sie eventuell vorsprechenden, schreckenerregenden Kindern auszuhändigen. Das finde ich super (und ich hoffe, sie wussten zu schätzen, wie viel Mühe das war! Wo sonst bekommt man schon Selbstgebackenes?).
Das ist ja alles schön und ich gönne den lieben Kleinen ja auch den Spaß, aber brauchen wir das? Wussten wir vor der Ankunft von Halloween nicht, was wir um diese Jahreszeit machen sollen? Ist es nicht schade, dass es immer mehr Länder gibt, die an diesem Tag das Gleiche machen? Wird nicht alles langsam eine immer gleiche Suppe? Nur Pueten schien das so ähnlich zu sehen, wie ich ...
Als ich klein war, sind wir um diese Jahreszeit – im Vorfeld des Martinstages – gelegentlich nach Einbruch der Dunkelheit Laterne gegangen. Wir waren eine Gruppe von zehn bis zwanzig Kindern im Kindergarten- bis Grundschulalter, jedes mit einer Papierlaterne an einem Stock, begleitet nicht von Erwachsenen, sondern von zwei bis drei älteren Geschwistern, so um die Dreizehn oder Vierzehn. Wir haben „Laaaa-tärne, Laaaa-tärne, Sonne, Mond und Stär-ne“ gesungen, vor manchen Häusern – hinter deren Türen wir großzügige Geber vermuteten – ein Ständchen gebracht, ein paar Bonbons eingesammelt und sind weitergezogen. Ich habe das geliebt! Heute sieht man gelegentlich ein einzelnes Kind (oder vielleicht zwei Geschwister) einsam und allein, die Mutter an der einen Hand, die schlenkernde Laterne in der anderen, am Straßenrand entlang watscheln. Falls überhaupt gesungen wird, dann mit einem einsamen, dünnen Stimmchen. Tragisch!
Versteht mich nicht falsch: Ich bin sicher, die Kinder von heute lieben Halloween genauso, wie wir unser Laternegehen, aber warum müssen wir uns einen fremden Brauch ausleihen, wenn wir selber schon einen sehr schönen hatten?
Heute Nachmittag, als sich der Gatte und ich uns mit einem Tässchen Kaffee und einer dicken Samstagszeitung an unserem frisch aufgestellten Küchentisch breit machten, stieß ich auf den Kommentar eines britischen Autors, der mir aus dem Herzen sprach.
Wie gesagt ist Halloween auch kein britischer Brauch (mehr). Trotzdem wird er von jung und alt ausgiebig gefeiert. Schade daran ist, schrieb der Journalist, dass die englische Bonfire Night, die am 5. November ansteht, dank Halloween mehr und mehr an Bedeutung verliert. Als wären immer neue Gesundheits- und Sicherheitsregulierungen nicht genug, die Bonfire Night zu unterminieren. Als er aufwuchs hatte jedes Dorf und jeder Stadtteil am 5. November irgendwo ein Bonfire, wo alle zusammenkamen (ähnlich wie bei unseren Osterfeuern). Heute finden sich kaum noch Freiwillige, die das organisieren wollen, denn wenn sie sich erst einmal mit der Kommunalverwaltung herumgeschlagen und das Geld für die jetzt notwendige Versicherung aufgebracht haben – von der körperlichen Arbeit einmal ganz zu schweigen -, kommt nicht einmal mehr einer.
Der Autor ist bestimmt so alt wie ich.